Das Palliativnetz Bochum
Statistik – Wünsche - Entwicklunge
In Bochum leiden jeden Tag etwa 500
Menschen unter starken Tumorschmerzen. Den Bedarf an professioneller
palliativmedizinischer Versorgung schätzt man auf etwa 640 Bürger pro Jahr.
Etwa 90% der Sterbenden sind an ihrem Lebensende in Krankenhäusern oder
Pflegeeinrichtungen untergebracht. Dabei ereignen sich die meisten Todesfälle
in den Abteilungen der Inneren Medizin (75%) und Chirurgie (18%) – explizit
also in Abteilungen, die auf die kurative Medizin („heilend“) ausgerichtet
sind. Dagegen ist es jedoch der Wunsch der weit überwiegenden Mehrheit der
Bevölkerung, nämlich von 80%, die letzte Lebensphase zu Hause zu verbringen.
Diese Widersprüchlichkeit von Wunsch
und Wirklichkeit ist vor allem die Folge einer veränderten Lebens- und
Familienstruktur sowie einer sinkenden Hausarztbetreuung: Der Notarzt, der
heute zumeist in kritischen Lebenssituationen gerufen wird, überweist aufgrund
der unbekannten Krankengeschichte und Problematik den Schwerkranken in ein
Krankenhaus.
Brigitte – betreut im Palliativnetz-Bochum
Von der Medizin über die Pflege bis zur
Hospizarbeit
Brigitte hatte in den letzen 2
Jahren – wie sie mir erzählte – so ziemlich jede Chemotherapie erhalten, die
bei ihrem fortgeschrittenen Brustkrebs mit Knochenmetastasen als wirksam
angepriesen wurde. Bei dem letzten Krankenhausaufenthalt sagten ihr die Ärzte,
man könne nichts mehr für sie tun, ihr Zustand wäre zu schlecht. Nur wenn die
Blutkörperchen wieder ansteigen würden, könne man noch eine „neue Chemo“
versuchen.
So vermittelte die Hausärztin den
Kontakt zum Palliativnetz Bochum, da Brigitte sehr lange Zeit unter Schmerzen
litt. Ein Palliativmediziner aus dem Netz besuchte sie noch am gleichen Tag und
stellte sie auf stark wirksame Schmerzmittel ein. Die Schmerzen besserten sich
rasch. Auch andere Symptome wie Übelkeit und Atemnot ließen sich durch
entsprechende Medikamente danach gut kontrollieren. Aufopferungsvoll kümmerten
sich der Ehemann sowie die 11 und 16 Jahre alten Töchter um sie.
In der Folgezeit verschlechterte
sich ihr Zustand jedoch so dramatisch, dass professionelle pflegerische Hilfe
notwendig wurde. Vom Bereitschaftsdienst der Familien- und Krankenpflege Bochum
übernahm eine Fachschwester die häusliche Pflege und durch das Alpha
Sanitätshaus wurde noch am gleichen Tag ein Pflegebett zur Verfügung gestellt.
Erst jetzt nahm die Familie auch die Hilfen der ambulanten Hospizarbeit Bochum
an. Hier war es insbesondere der Ehemann, der viel Gesprächsbedarf hatte und
dankbar für die Entlastungen durch die ehrenamt-lichen Hospizler war.
Da die Schwäche auf eine Blutarmut
zurückzuführen war, konnte eine Bluttransfusion am Folgetag organisiert werden.
Brigitte wollte nicht wieder ins Krankenhaus und war froh, dass sie nach der
Transfusion noch am gleichen Tag die Palliativstation im Bergmannsheil Bochum
wieder verlassen durfte. Obgleich es ihrem Wunsch entsprach, daheim zu bleiben,
wenn es einmal so weit sein sollte, hatte die Familie viel Angst vor einer
Überforderung. Durch die Möglichkeit der jederzeitigen notfallmäßigen Aufnahme
auf der Palliativstation mit Weiterleitung in das Hospiz St. Hildegard konnten
diese Ängste reduziert werden. Brigitte starb an einem Samstagmorgen zu Hause
im Beisein ihres Mannes und ihrer Mädchen.
Die Säulen des
Palliativnetzes
Ziele und Grundlagen
Das 2005 gegründete
Palliativnetz Bochum verfolgt das Ziel, in Kooperation untereinander und auch
mit anderen Partnern
- die
Versorgung und damit die Lebensqualität der Menschen mit unheilbaren
Erkrankungen zu verbessern,
- die
Autonomie und Würde zu erhalten sowie Leben und Sterben individuell in der
gewünschten Umgebung zu ermöglichen und
- dabei
Angehörige wie Freunde zu entlasten.
Zu den erforderlichen
palliativen Maßnahmen gehören z.B. Schmerztherapie, Symptomlinderung,
medizinische, pflegerische und psychosoziale Betreuung. Diese Maßnahmen sollen
nach Möglichkeit im häuslichen Bereich durchgeführt werden.
Ganz gezielt wird an der Verbesserung der Versorgung durch
die Vernetzung und Kooperation vorhandener Strukturen gearbeitet, um eine
flächendeckende ambulante Palliativ-Betreuung in Bochum sicherzustellen. Als
Grundlage der Zusammenarbeit der Kooperationspartner dienen dabei eine
umfassende Kommunikation untereinander und die Einbringung der jeweiligen Kompetenz
der Kooperationspartner unter Berücksichtigung des jeweiligen Patientenwillens.
Die Netzpartner und ihre Funktionen
Zu den Netzpartnern zählen die Ambulante Hospizarbeit Bochum
mit bundesweit einmaliger Einbindung von 2 hauptamtlichen Pfarrern, der
Hospizverein Wattenscheid mit angeschlossener professioneller Trauerberatung,
der Hospizdienst Mandala, die Familien- und Krankenpflege Bochum mit
palliativpflegerisch spezialisierten Pflegekräften, der palliativärztliche
Dienst incl. teilnehmender niedergelassener Haus- und Fachärzte, die
Palliativstation am Bergmannsheil Bochum, das Hospiz St. Hildegard und die
Alpha Apotheke mit eigenem Sanitätshaus.
Außer den Kooperationspartnern steht das Palliativnetz aber
auch offen für andere Partner wie das Netzwerk der grünen Damen, weitere
ambulante Pflegedienste, weitere Haus- und Fachärzte, Schmerzambulanzen,
Psychotherapeuten, Psycho-onkologen sowie weitere Kliniken unterschiedlicher
Versorgungsstufen. Entspre-chende Kontakte – auch zur größten Bochumer Onkologie
im Augusta Krankenhaus mit Prof. Dr. Dirk Behringer - sind bereits geknüpft.
Um die palliativärztliche Versorgung sicherzustellen, werden
vorhandene Strukturen genutzt. Hierbei stellen Fach- und Hausärzte die
Grundversorgung sicher, während Palliativmediziner als Ansprechpartner für
spezielle Probleme zur Verfügung stehen. Ihre Aufgaben liegen in der
Schmerztherapie und Symptomkontrolle, Beratung zur Ernährung und
Flüssigkeitstherapie, Vermittlung bei Problemfällen der Wundbehandlung,
palliativmedizinischen Beratung und Unterstützung bei der Aufklärung. Sie
stehen auch zur Beratung anderer Ärzte zur Verfügung und führen Hausbesuche
durch. Wünschenswert ist eine frühe Kontaktaufnahme mit dem Palliativmediziner,
nicht erst dann, wenn „nichts mehr geht“. Derzeit wird ein Vertrag mit den
Krankenkassen verhandelt, bei dessen erfolgreichem Abschluss auch ein
palliativärztlicher 24-Stunden-Bereitschaftsdienst sichergestellt werden kann.
Bis dahin handelt es sich bei dem bisherigen Honorar von unter 4 Euro für Hausbesuch
und eine halbe Stunde Sterbebegleitung wohl eher noch um einen ehrenamtlichen
Dienst.
Mit ihrer großen Zahl ehrenamtlicher Helfer gewährleisten
die drei ambulanten Hospizdienste neben der Entlastung der Angehörigen die
Begleitung von Patienten und Patientinnen, die auf einer Palliativstation
liegen, die die Palliativstation nach Hause verlassen oder die aufgrund eines
Notrufs ambulant palliativpflegerisch und/oder palliativmedizinisch versorgt
werden müssen. Ferner werden durch die ambulante Hospizarbeit die Begleitung
von hauptamtlichen Palliativnetzwerk-Mitarbeitern und -Mitarbeiterinnen
gewährleistet und so u.a. eine praktische Weiterqualifizierung innerhalb der
Themenbereiche „Sterben, Tod und Trauer“ sichergestellt.
Die Familien- und Krankenpflege Bochum stellt examinierte
Kranken- bzw. Altenpflegekräfte zur Verfügung, von denen viele als Fachkräfte
für Palliativpflege und/oder Intensivpflege fortgebildet sind. Sie hält einen
Pflegenotdienst vor, so dass mehrfach schon pflegerische Probleme selbst zu
„Unzeiten“ bei neuen Patienten gelöst werden konnten. Besetzt wird von hier
auch das Notfalltelefon (freecall Tel. 0800 – PALLIATIV = 725 542 848)
Todkranken Patienten bietet die Palliativstation im
Bergmannsheil Bochum unter Leitung von Prof. Dr. Michael Zenz die Versorgung
durch ein interdisziplinäres Spezialistenteam an. Ziel ist es, ihnen Schmerzen
und andere belastende Symptome zu nehmen und ihnen so für die verbleibende Zeit
die bestmögliche Lebensqualität zurückzugeben.
Im Hospiz St. Hildegard können seit 1995 Sterbende die
letzte Phase ihres Lebens verbringen. Die Wünsche und Bedürfnisse der
Sterbenden und der Angehörigen bestimmen dabei die medizinisch-pflegerische und
psychosoziale Komponente.
Gemeinsames Ziel: Ein Leben in Würde bis zuletzt
Nur durch ein funktionierendes
Netzwerk, in dem alle miteinander arbeiten mit Respekt gegenüber der Kompetenz
des Anderen, kann es uns gelingen, den Schwachen und den Schwerkranken mit
Respekt ein Leben in Würde bis zuletzt zu ermöglichen.
Die Lösung für Schmerzen, Leiden und
Kränkung der Würde eines Menschen besteht nicht in einer tötenden oder
beruhigenden Spritze. Die Lösung besteht darin, dass wir kompetente Palliative
Care flächendeckend anbieten für alle, die es brauchen.
Und nicht zuletzt gilt … Palliativmedizin
geht zum Patienten.
Dr.
med. Matthias Thöns
Arzt
für Anästhesiologie & Palliativmedizin
Unterfeldstr.
9 44797 Bochum
Palliativnetz-Bochum@email.de
www.palliativnetz-bochum.de
Siegfried
Schirmer
info@Hospizverein-Wattenscheid.de
|